„Verpasste Chance!“ Offener Brief zur Schließung der EAE

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Innenminister, sehr geehrter Herr Nürnberger!
Mit großem Bedauern und Kritik nehmen wir als ehrenamtliches Netzwerk der Hilfe die beabsichtigte Schließung der EAE Ferch/Glindow bereits zum 31.12.2016 zur Kenntnis.

Die deutlich gesunkene Zahl von Flüchtlingen, die in Deutschland und Brandenburg ankommen, ist uns bewusst. Einsichtig ist uns eine entsprechende Verringerung der beachtlich hohen Aufnahmekapazität des Landes Brandenburg aus wirtschaftlichen Gründen.

Unseren Informationen nach hat der Vertrag zur Nutzung der EAE Ferch eine Laufzeit bis Ende 2018. Die jetzt beabsichtigte Schließung halten wir für eine deutlich verpasste Chance in Hinsicht auf eine hochwertige und von einer breiten Mehrheit der Anwohner getragene Betreuung der Flüchtlinge in der Erstaufnahme. Wir bedauern, als ehrenamtliches Netzwerk mit 60 aktiven Ehrenamtlichen, einem großen Unterstützerkreis in der Bevölkerung und mit hoher Beachtung in den Medien in der Diskussion um die Schließung keinerlei Berücksichtigung von Seiten des Landes und der ZABH erfahren zu haben.

Als Koordinatoren der vor Ort tätigen Arbeitsgruppen kritisieren wir nach einem Treffen aller Ehrenamtlichen im Namen des gesamten Netzwerks der Hilfe sowohl das Vorgehen als auch das Ergebnis der Verhandlungen zwischen der ZABH und dem DRK als dem Betreiber.

Wir bitten um angemessene Berücksichtigung der Standortvorteile der EAE Ferch/Glindow, wie sie sich aus unserer Sicht darstellen:

  • langfristiger Vertrag bis Ende 2018,
  • die hohen baulichen Investitionen durch das Land Brandenburg,
  • die durch Spendengelder finanzierte Ausstattung (Kleiderkammer, Sportgeräte etc.),
  • die ruhige Lage mit einer für Bewohner zumutbaren Anbindung an Werder und Potsdam,
  • die für ein Miteinander von Bewohnern, Betreuern und ehrenamtlichen Helfern überschaubare Kapazität von 270 Plätzen,
  • die auch im Vergleich zu anderen Erstaufnahmeeinrichtungen in Brandenburg gut koordinierte und von breiter Mehrheit getragene ehrenamtliche Betreuung von Flüchtlingen über die vertragliche Versorgung durch den Betreiber DRK hinaus,
  • die entsprechend positive Wahrnehmung der ehrenamtlichen Arbeit in der Öffentlichkeit und den Medien – die konkreten Erfahrungen der Ehrenamtlichen helfen entscheidend, Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung abzubauen,
  • die hohe Zahl von 60 aktiven Ehrenamtlichen mit großem Unterstützerkreis in der Bevölkerung (Schwielowsee, Werder, Potsdam und Landkreis PM) als wesentlicher gesellschaftlicher Faktor für die Akzeptanz von Flüchtlingen.

Mit diesen Standortvorteilen regen wir die weitere Nutzung der EAE Ferch/Glindow insbesondere für folgende Zielgruppen an:

  • für Flüchtlinge und Asylsuchende, die absehbar längere Zeit in der Erstaufnahme verbringen,
  • für Familien und alleinreisende Frauen, die in den größeren Erstaufnahmen konfliktträchtige Probleme haben – wie in der Vergangenheit bereits geschehen,
  • für Familien mit Kleinstkindern und bestehenden Schwangerschaften,
  • für erkennbar besonders traumatisierte Menschen, die von Anfang an einer besseren sozialen Betreuung bedürfen als sie an anderen Standorten möglich ist.

Selbst wenn die im Vergleich kleinere EAE Ferch/Glindow nur kostenintensiver zu betreiben sein sollte als eine vergleichbare Kapazität in den großen Einrichtungen – halten wir die weitere Nutzung der EAE Ferch/Glindow mit einer entsprechenden Begründung von Seiten des Landes für eine gute Chance, eine offene, auf Qualität bedachte und mit der Bevölkerung gut vernetzte Flüchtlingspolitik des Landes Brandenburg auch öffentlich darzustellen.

Mit freundlichen Grüßen schreiben Ihnen für das Netzwerk der Hilfe:

Pfr. Frank-Michael Theuer, Dr. Jörg Longmuss, Cornelius Rüss, Fred Witschel (koordinierende Kontaktgruppe)

Claudia Remmert (Willkommensgruppe), Manfred Beger (Sportgruppe), Christian Eckhoff (Mobilität und Fahrradwerkstatt), Susanne Schaarschmidt (Deutschunterricht), Carolin Hille (Kinder- und Jugendgruppe), Henriette Haase (Nähstube), Alexandra Knuth (Kleiderkammer und Sachspenden), Ursula Pommerenke (Bundesfreiwilligendienstleistende im Netzwerk der Hilfe), Martina Meder (Kontakttelefon)

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